Warum schmerzen gesunde Organe?

 

Wenn der Bauch schmerzt, handelt es sich zunächst um ein körperliches Gefühl. Oft ist daran auch die Seele beteiligt, wie wir später noch schildern werden.


Im Bauchraum liegt neben den vielen Organen auch ein großes Nervengeflecht, das die Organe des Verdauungssystems durchzieht: das enterische Nervensystem des Verdauungssystems (ENS). Es befinden sich sehr viele Nervenzellen, Rezeptoren und Transmitter (Botenstoffe) in den Muskelwänden des Verdauungstraktes. Da dieses Nervengeflecht sehr große Ausmaße hat, wird es auch als Bauchhirn bezeichnet. Dieses stellt sogar das zweitgrößte Nervenorgan nach dem Gehirn in unserem Körper dar. Mit der Aufgabe, die Verdauung zu steuern, über den Zustand des Verdauungssystems mit dem Gehirn zu kommunizieren und Abwehrzellen im Darm zu organisieren, sind mehr Nervenzellen beteiligt als im gesamten Rückenmark zu finden sind. Wir sprechen daher auch vom "Bauchhirn".

Forschungen zeigen, dass seelische Vorgänge und die Organe des  Verdauungssystems eng über das Bauchhirn miteinander verknüpft sind. Nervengeflechte, wie das Sonnengeflecht (Solar plexus), können dabei auch bestimmte Funktionen der inneren Organe beeinflussen. Beispielsweise können sie zur Anspannung oder Erschlaffung der Magen- und Darmmuskeln beitragen. Bestimmte Lebenssituationen können also "auf den Magen schlagen" oder "Bauchweh" verursachen oder verstärken.

 

Im Detail können sich diese Veränderungen in Form von überempfindlicheren Schmerz- und Dehnungsrezeptoren, einer vermehrten Ausschüttung von Botenstoffen (Transmitter), einer veränderten Schmerzverarbeitung im Gehirn, in Krämpfen der Darmmuskulatur, in einer gestörten Drüsensekretion, einer verminderten Flüssigkeitsaufnahme und einem gestörten Transport von Darminhalt auswirken.

 

Vermutlich spielen auch eine Fehlregulation der zentralen Schmerzverarbeitung oder auch eine verstärkte Wahrnehmung von Schmerzen eine Rolle. Stress führt natürlich zur vermehrten Ausschüttung von Botenstoffen aus dem Gehirn und den Nebennieren, was die nervösen Beschwerden im Magen-Darm-System entsprechend verstärkt. Die Ursache liegt dann aber nicht im Hirn oder in einer psychischen Erkrankung sondern im Nervensystem des Darms selbst, welches verstärkt auf die Hormone des Gehirns reagiert.

 

Umgekehrt können Entspannungsübungen, Beten und Meditation die Ausschüttung von Stresshormonen der Nebenniere und der Hirnorgane reduzieren und Glücksgefühl fördernde Hirnareale aktivieren. Das wirkt indirekt auch beruhigend auf den Darm. Aber: sie könnten jedoch ein Jahr lang meditieren, der Reizdarm bleibt weiterhin bestehen, führt sein Eigenleben und macht sich quasi auch unabhängig vom eigenen Willen eigenmächtig auf den Weg. Die allgemeine gesunde Lebensführung, Ernährungsweise, Schlafhygiene, Stressverarbeitung, Drogen, Medikamente, Sport können den Verlauf abmildern oder eben verstärken.

Daher bezeichne ich selbst das Nervensystem des Verdauungstraktes gern als „Anarchisten des menschlichen Körpers“, das einfach macht, was es will. Wir selbst können es etwas beeinflussen, letztendlich müssen wir aber damit leben und uns darauf einstellen.

 

Kurz formuliert könnte man sagen, dass viele verschiedene Kleinigkeiten sich Stück für Stück zu einem kompletten Mosaik oder Beschwerdebild zusammenfügen. Am Ende führt dann die Summe vieler kleiner Störungen zu großen Beschwerden. Bildlich ausgesprochen flüstert man vorsichtig in ein Mikrofon hinein und ein Orchester von Beschwerden kommt in lautem Getöse hinaus. Die Psyche, der Mensch müssen damit umzugehen lernen.

Wie geschildert, sind die Entstehungsmechanismen der funktionellen Bauchbeschwerden sehr komplex und immer noch nicht ganz verstanden. Viele Einzelheiten sind dennoch sehr gut untersucht. Wichtig ist jedoch, dass es eine einzige Ursache, die alle Beschwerden erklärt, es liegen eben ein komplexes, multifaktorielles Geschehen vor.

Nach durchgeführter Diagnostik folgt dann die Therapie.